Im Buchladen


Ich schlendere durch einen Buchladen in einem hippen Szenebezirk dieser Stadt, die sich einbildet, in irgendeiner Form mondän und weltoffen zu sein, wobei die Stadt beim Versuch, ihre Weltoffenheit durch den Versand von U-Booten zu beweisen, im zweiten Weltkrieg bis auf den letzten Stein ausgebombt wurde, aber das ist hier nur am Rande erwähnenswert. Ich blättere in einem zeitgenössischen Roman, weil ich die Gestaltung der Vorder- und Rückseite ansprechend finde und muss schmunzeln.

Es heißt, dass man Bücher nicht anhand ihrer Gestaltung bewerten soll und genau das geht mir durch den Kopf, aber es ist ein Roman in einer hippen Ecke eines hippen Buchladens und die Mitarbeiter des Ladens haben die Bücher alle zu einem Turm aufgestapelt. Mein Gott, muss das ein Aufwand gewesen sein, all diese vielen Bücher zu solch einem Turm zu stapeln und überhaupt: Man kann es doch nur schaffen, eine geringe Zahl an Büchern aus diesem Koloss herauszunehmen, ohne dieses mühevoll erbaute Konstrukt zu Fall und sich selbst somit in die peinliche Situation, ebenjener zu sein, der die ganzen entspannt schlendernden hippen Buchladenbesucher, die eventuell vor einem mühevoll drapierten Bücherturm stehen undschmökern, zum Stirnrunzeln und einem verächtlichen Blick über die Schulter zu bringen und dem zwangsläufig damit verbundenen Gedanken: „Ach so einer ist das!“, weil Menschen nach solchen Situationen urteilen. Es liegt in der Natur des Menschen, in solchen Momenten „Ach so einer ist das!“ zu denken und dabei verächtlich aufden gestürzten Bücherturm zu schauen, ohne dabei weiter zu denken: „So einer, der Büchertürme umwirft!“, denn so etwas regelt das menschliche Gehirn vollautomatisch. Aber das ist auch egal, es geht ja darum, dass die Mitarbeiter doch eigentlich mit ihrer Mühe, einen solch kollossalen Bücherturm zu bauen, einer vergebenen Liebesmüh‘ nachgehen, denn schließlich hindern sie den Jungautor daran, genügend Bücher zuverkaufen, weil der Käufer doch zwangsläufig irgendwann davor zurückschreckt, ein Buch aus einem Bücherturm zu greifen, der derart einsturzgefährdet wirkt und wird vermutlich verärgert und etwas enttäuscht von dannen ziehen und darüber nachdenken, dass er gestern schon hätte in den hippen Buchladen gehen sollen, statt für seine Tante die Sommerreifen aufzuziehen und wird im Affekt, also einer Übersprungshandlung zu einem dieser hippen Cafés im Bezirk gehen, die gesüßten Kaffee mit seltsamen Namen für zehn Euro anbieten und schon beim ersten Schluck bereuen, dies getan zu haben, in Gedanken an ebenjene Tante, die zu solch horrenden Wuchern immer noch zum guten, alten Vergleich mit der D-Mark ansetzt und mit aufgerissenen Augen immer wieder „Das waren mal zwanzig Mark! Zwanzig Mark!“ wiederholt. Aber das ist auch völlig egal und hat mit der Geschichte nur beiläufig zu tun.

Ich will nicht sagen, dass ich zu emotionalen Ausbrüchen neige, aber während ich ein paar Zeilen aus dem Buch lese, bemerke ich, wie ich dabei einen Mundwinkel hebe. Aus einem Impuls heraus will ich das Buch kaufen und muss mich natürlich direkt fragen, ob ich dies aus einem Affekt, also einer Übersprungshandlung mache, weil ich vielleicht zuvor irgendein enttäuschendes Erlebnis hatte oder mir irgendein Mensch in meiner Umgebung mit aufgerissenen Augen „Das waren früher mal zwanzig Mark! Zwanzig Mark!“ gesagt hatte, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich einem Wucherkauf aufgesessen bin. Während ich stirnrunzelnd dastehe und darüber nachdenke, warum ich ein Buch kaufe, von dem ich nur zwei Zeilen kenne und das Design mag, mustere ich zwei der Mitarbeiter an der Kasse, beide vermutlich Anfang zwanzig. Sie könnten seit Jahren ein Paar sein und nun gemeinsam hier studieren und sich mit Nebenjobs finanzieren, weil so ein Studium auch immer teurer wird und vielleicht war es sogar ihre Idee, einen Bücherturm aus den Massen der Exemplare dieses einen Buches zu bauen, weil die junge Frau morgens beim Aufschlagen des Frühstückseis die Idee hatte und direkt sagte: „Schatz, was hältst du davon, wenn wir aus den Kisten mit der Lieferung dieses neuen Debutromans von dem einen Typen da einen riesigen Bücherturm bauen, damit die Kunden direkt sehen, dass das ein tolles Buch sein muss. Man muss doch Jungautoren fördern und wir sind doch junge engagierte Studenten und seit Jahren ein Paar, also was meinst du?“

Und der junge Mann, der die gute Absicht der Frau dahinter sah, war aber vielleicht von sofortigen Zweifeln geplagt. Denn wie soll man die Kunden dazu bringen, alle Bücher zu kaufen, wenn der Bücherturm schon nach zwei Tagen derart wackelig aussieht, dass niemand mehr ein Exemplar herausziehen möchte, aus der natürlichen Angst davor, sich im hippen Buchladen des Szenebezirks in die Situation zu bringen, verächtlich angeblickt zu werden und möglicherweise noch den Mitarbeitern beim Aufheben der Bücher helfen muss, während diese seufzend beklagen, wie mühevoll sie den Bücherturm errichtet haben und wie lang es dauern wird, den wiederherzustellen. Aber vermutlich hat der Mann nichts gesagt, denn die beiden sind ja erst vor Kurzem hierher gezogen um zu studieren und die beiden mussten einige Entbehrungen machen und der ganze Stress hatte natürlich auch die Beziehung belastet, denn so etwas belastet immer irgendwelche Beziehungen und er liebte sie und wollte nicht mit irgendwelchen Zweifeln einen erneuten Streit provozieren, jetzt wo sie sich ein wenig eingelebt und wiedergefunden hatten und so sagte er vermutlich schließlich einfach „Ich finde die Idee gut, Schatz!“ und biss in sein Käsebrot. Aber das ist hier auch egal.

Beide blicken mich stirnrunzelnd an. Erst beim Blick in den hinter der Kasse gelegenen Spiegel fällt mir auf, dass ich die beiden seit geraumer Zeit stirnrunzelnd anblicke und diese einfach aus Unverständnis auf mein Verhalten mein Stirnrunzeln erwidern und sogar einen kurzen Blick untereinander austauschen, als würden sie sich einig sein, wie Paare das manchmal sind, wenn sie eine gemeinsame Situation erleben, die sie an eine zuvor gemeinsam erlebte Situation erinnert und dieser kurze Blick für Außenstehende nicht viel durchscheinen lässt, aber für die beiden sicher Dinge beinhaltet wie: „Das ist wie damals, am 12. Februar, als wir beide Schicht hatten und dann einer stirnrunzelnd und nichts sagend vor der Kasse stand und wir dann irgendwann zurückgestirnrunzelt haben, obwohl das der Chef alles andere als gern sieht und wo die Sarah, weißt du noch, die Blonde, die hier mal gearbeitet hat, schon für gefeuert wurde?“

„Soll es das Buch hier sein?“ fragt die junge Frau plötzlich und wechselt völlig unvermittelt von einem Stirnrunzeln zu einem professionellen Lächeln und es erschrickt mich ein wenig, wie professionell diese junge Studentin bereits nach so kurzer Zeit in diesem Buchladen ist, dass sie ihre Mimik derart im Griff hat, aber auch gleichzeitig unprofessionell, weil die Frage nicht nur absolut irreführend, sondern auch von dreister Implikation ist.

„Soll es das Buch hier sein?“ wiederhole ich in meinem Kopf. Es klingt wie ein hämischer Zweifel an meiner Urteilskraft. Sie hätte genauso gut fragen können: „Oha, sind Sie sich WIRKLICH sicher, dass Sie Ihr Geld für so ein Buch aus dem Fenster werfen wollen?“ und ihr Freund hätte mit einem Blick beipflichten können, mit hochgezogenen Augenbrauen, einem Blick, der aussagt „Schauen Sie auf den Buchrücken, dieses dünne Buch kostet zehn Euro, das waren früher mal zwanzig Mark! Zwanzig Mark!“, aber stattdessen scheint er ihr eher in die Seite zu knuffen und mit einem Blick zu bedenken, der sagt: „Schatz, pass ein wenig auf deine Formulierungen auf, das scheint mir ein eher schwieriger Kunde zu sein.“, während er – sorgfältig darauf bedacht, den Blick nicht vorwurfsvoll erscheinen zu lassen, sondern wirklich freundlich ermutigend – um seine Beziehung zu retten. Die Frau greift nach dem Buch in meiner Hand, um es mit einer dieser mittlerweile altmodischen Scannerpistolen, aus denen rote Laserstrahlen kommen, einzulesen, doch ihre Frage wirft in mir wirkliche Zweifel auf und ich beginne wieder das Stirnrunzeln und halte das Buch in der einen, den Geldschein in der anderen Hand fest umklammert.

Vielleicht sollte die Frau besser auf einem Gemüsemarkt arbeiten, denn zum einen sind Menschen dort grundsätzlich nicht so pingelig, was Formulierungen angeht, vor allem sind Menschen auf Märkten als Kunden oftmals auch eingeschüchtert, wenn verschiedene Marktschreier durch die Gegend brüllen: „KARTOFFELN! KAUFT MEINE KARTOFFELN!“ und gerade in Deutschland reagieren Menschen sehr empfindlich auf einen rauen Umgangston und sind es eigentlich nicht gewöhnt, dass Verkäufer sie anschreien, verdammt nochmal ihre Ware zu kaufen und reagieren dann möglicherweise im Affekt, also in einer Übersprungshandlung und kaufen zehn Kilo Kartoffeln, obwohl sie eventuell ganz allein wohnen und niemals Verwendung für zehn Kilo Kartoffeln haben, sofern sie nicht irgendeine riesige Bratkartoffelparty machen, die ja noch zusätzliche Kosten aufwirft und Aufwand bereitet, zum Beispiel muss man den Nachbarn bescheidgeben und überall im Hausflur Zettel aufhängen, auf denen steht: "Hallo Nachbarn, ich feiere am Freitag eine Bratkartoffelparty, weil ich zu viele Kartoffeln gekauft habe – in Klammern – auf dem Markt, ihr kennt das, es könnte etwas lauter werden. Ihr seid alle eingeladen.“

Wer will schon solche Umstände machen und eine Bratkartoffelparty organisieren müssen und obendrein die Nachbarn in der Wohnung haben und somit immer die Sorge, dass die Nachbarn untereinander Blicke austauschen, die sagen „So einer ist das!“ und nicht etwa „So einer ist das, der so wohnt und sich nicht einmal gegen den Marktschreier durchsetzen kann!“, weil den Rest das Gehirn schon vollautomatisch weiterdenkt, weil der Mensch eben so ist. Der Mensch denkt dann einfach „So einer ist das!“ und beißt stirnrunzelnd in eine Bratkartoffel, weil diese nur mit „vorwiegend festkochenden“ Kartoffeln statt mit „festkochenden“ gemacht wurden, wobei jeder weiß, dass diese dann schnell matschig werden. Aberdas ist für die Geschichte nicht weiter relevant.

Die Frau an der Kasse presst die Lippen zusammen und versucht, mir das Buch aus der Hand zu rupfen, aber ich halte es fest. Ich lasse mich doch nicht derart hinters Licht führen, dass ich das Buch jetzt sofort kaufe, wo ich doch schon weiß, dass ich es nur anhand des Covers und zwei Zeilen kaufen würde und besonders mit dem Wissen, dass die Frau doch schließlich vom Fach ist und den ganzen Tag damit verbracht hat, ein Buch durch einen gigantischen Bücherturm anzupreisen, um dem etwaigen Käufer zu suggerieren, dass das Buch ganz fabelhaft sein muss, wenn schon die ganzen Mitarbeiter sich die Mühe machen, diese Unmengen an Büchern zu einem Turm zu stapeln und vermutlich hat der Chef diese Idee nur genehmigt, weil er das Buch auch erst nach dem Kauf der vielen Bücherkisten gelesen hat und feststellen musste, dass es eine völlige Fehlinvestition war und sich irgendwas einfallen lassen musste, um die Kunden auszutricksen, damit er nicht auf den ganzen Büchern sitzen bleibt. Da kam ihm die Idee der jungen Mitarbeiterin vermutlich genau recht und er bat sie, die anderen Mitarbeiter anzuweisen, ihr dabei zu helfen, so dass die Mitarbeiter nicht hinterrücks sagen: „Der Chef behandelt uns wie Sklaven, immer müssen wir so einen Quatsch mit den Büchern
machen, statt sie wie jeder andere Buchladen auch, einfach nach Genre unterteilt in Regale zu stellen.“ Vermutlich steht die Frau an der Kasse unter diesem Druck ihres Chefs auf der einen Seite und der Kritik ihrer Kollegen auf der anderen Seite, weil sie ja schließlich diejenige ist, die den Bücherturm ersonnen und die schlechte Nachricht von
einem Haufen Mehrarbeit überbringen musste. Vielleicht wird sie ja seit der Sache mit dem Bücherturm von den Kollegen gemobbt und versucht mir deswegen, aus simpler Verzweiflung, das Buch aus der Hand zu reißen. Sie kann froh sein, dass ihr Freund hier arbeitet und ihr den Rücken stärken kann – und von seinem Blick geht tatsächlich eine Art schützende Ruhe aus, vermutlich weil er froh ist, dass diese Mobbingsache, die heute morgen angefangen hat, ihre Beziehung bekräftigen wird. Und wenn es in diesem Buchladen nichts mehr wird, wegen dieser Bücherturmaffäre, dann gibt es immer noch den anderen Bücherladen in der Stadt, der zwar nicht so hip ist, aber auch nicht so weit von ihrer gemeinsamen Wohnung entfernt, da hätte man am Tag rund zwanzig Minuten mehr für sich und der Tausch wäre gar nicht unakzeptabel, auch wenn sie wahrscheinlich in keinem anderen Buchladen arbeiten wollen würde.

Es reicht mir. Ich will noch einmal nachdenken und reiße das Buch an meine Brust. Dabei zische ich die Frau an, dass ich auch nichts dafür kann, dass sie seit heute morgen gemobbt wird, aber dass ich ihrem Freund beipflichte, dass der Bücherturm eher abschreckend auf die Kunden wirkt, aber weil es mir leid tut, dass ich sie derart anzische, füge ich hinzu, dass ich das für mich behalte, weil ich nicht will, dass ihr Chef sie auch noch mobbt. Ich gehe rückwärts zum Bücherturm zurück, wende meinen Blick nicht von den beiden, die mich anschauen, als wäre ich einer, der Büchertürme umwirft ohne sich vorher darüber Gedanken zu machen, dass Menschen dann automatisch „So einer ist das!“ denken und ihre Gehirne das Gedachte vollautomatisch vervollständigen.

Ich stehe vorm Bücherturm und tue so, als würde ich schmökern, aber in Wirklichkeit mache ich mir Sorgen um die Beziehung der beiden. Ich will nicht zu einem Desaster beitragen, wo die Beziehung der beiden durch Studium, Umzug und Mobbing ohnehin schon auf der Kippe steht. Vielleicht sollte die Frau besser Bärchenwurst verkaufen. Da
ist das Klientel wesentlich jünger und nicht so penibel, was Worte angeht und dort im Fleischwarenbusiness herrscht auch nicht so ein spröder Umgangston wie auf dem Gemüsemarkt, wo Menschen unter Geschrei genötigt werden, Bratkartoffelparties zu organisieren, denn das klingt schon wie ein merkwürdiger Alptraum aus den Achtzigerjahren und das wünscht sich keiner.

Würde die Frau Bärchenwurst verkaufen, statt Debutromane von Jungautoren, wäre sie vermutlich wesentlich entspannter und könnte sich viel mehr auf ihre Beziehung einlassen. Ich überlege, ihr das vielleicht anzuraten, nachdem ich das Buch eingehender geprüft habe, denn ich finde, dass ich ihr das schulde, nachdem ich sie so angezischt habe.

Ich schmökere weiter in dem Buch, blättere herum und lasse unauffällig den Blick über die Buchseiten durch den hippen Buchladen schweifen. Auf der anderen Seite des Ladens stößt ein junger Mann mit seiner Fahrradkuriertasche an eins der Bücherregale. Hätte er vor dem Bücherturm gestanden, wäre dieser sicher schon heute zusammen gebrochen und die Mitarbeiter in dem Laden hätten in den Überstunden, in denen sie den Bücherturm mühsam wiederaufbauen müssten, mehr Zeit, die Frau zu mobben und damit der ohnehin fragilen Beziehung mit ihrem Freund, tiefer und nachhaltiger zu schaden. Ich will gar nicht wissen, wieviele Beziehungen schon durch Fahrradkurierumhängetaschen in die Brüche gegangen sind und fühle mich erneut bestätigt darin, dass derlei Taschen Teufelswerk sind, die modisch und praktisch wirken sollen, letzten Endes aber nur Beziehungen zum Scheitern bringen und überdies ihre Besitzer wie Dorftrottel aussehen lassen.

Mein Blick fällt auf die Uhr. Es ist eine Fallblattuhr, wie sie früher in Postämtern hingen, wo stirnrunzelnde Beamte durch kartuschenförmige Aussparungen in Panzerglasfenstern militärisch nachfragten, wieviele Briefmarken man denn nun haben wolle und gar keine Zweifel aufkommen konnten, ob man sich sicher sei, ob man WIRKLICH diese Marken kaufen wolle, denn jeder musste Briefmarken kaufen, wenn er über das Postamt Briefe verschicken wollte. Beim Blick auf die Fallblattuhr erschrecke ich, denn es ist schon spät. Ich muss gedanklich irgendwo vom Weg abgekommen sein.

Zähneknirschend muss ich mich zum spontanen Kauf oder Nichtkauf entscheiden und gehe wie vollautomatisch auf die Kasse zu, vermutlich weil mein Gehirn den Rest weitergedacht hat, um Zeit zu sparen, denn so ein Gehirn vervollständigt derlei Gedanken vollautomatisch. Das Pärchen an der Kasse dreht sich zueinander und tuschelt, vermutlich flüstert er ihr etwas wie: „Pass auf, Schatz, der schwierige Kunde kommt wieder, wir müssen jetzt professonell wirken. Wir reden heute Abend weiter und wenn du magst, dann massiere ich dich und wir trinken ein Glas Wein und gucken mal, ob nachher ein Tatort läuft!“ und ihr Blick antwortet etwas wie: „Ok, Schatz, wir reden später, aber es kann sein, dass ich heute Abend Kopfschmerzen habe.“ und dann knalle ich das Buch auf den Tresen.

„Scannen Sie dieses Buch ein, denn ich möchte es kaufen!“ mache ich unmissverständlich klar. Die Frau greift sofort danach und zieht den Strichcode an dem roten Lichtstrahl vorbei. Ihr Freund lacht und sagt: „Eine gute Wahl!“, vielleicht, um seiner Freundin den Rücken zu stärken, wo sie doch so gemobbt wird oder vielleicht, weil er sauer auf mich ist, dass ich mit meinem Verhalten unfreiwillig zum Zusammenbruch seiner Beziehung beigetragen hatte und das Buch in Wirklichkeit grottenschlecht ist und er mit dieser Falschempfehlung und viel Hohn das einzige bisschen Macht, das er über mich hat, kalkuliert ausspielt.

„Das macht dann genau fünf Euro!“ sagt seine Freundin mit einem ebenso freundlichen Lächeln und einem knappen Seitenblick zu ihrem Freund oder vielmehr ihrem Komplizen, denn beide wissen sicherlich darum, wie schlecht das Buch eigentlich ist und wie sie mir als Kunden nachträglich eins reinwürgen können, weil sie mich als Feind sehen, als Störfaktor in ihrer Beziehung und womöglich denkt die Frau in einem Affekt, also einer Übersprungshandlung, dass ich der Grund dafür sei, dass sie seit heute morgen gemobbt wird und das, obwohl ich nur einer der ersten Kunden bin, der einen dieser Debutromane aus ihrem riesenhaften Bücherturm gezogen hat und nicht einmal eine Fahrradkuriertasche mit mir führe. Sie zieht mir den Geldschein aus der Hand und sortiert ihn schnell in die Kasse, bevor sie sie mit einem Schnappen verschließt. Ihr Freund drückt mir den Kassenbon in die Hand und ich bin mir sicher, dass irgendwo im hinteren Bereich des Ladens der Chef steht und sich die Hände reibt, weil für ihn alles mehr als perfekt gelaufen ist.

Ich weiß nicht sicher, wie lang ich noch stirnrunzelnd vor der Kasse stehe, bevor mich der Kunde mit seiner Fahrradkuriertasche touchiert, um ein Buch auf den Kassentresen zu legen. Das Pärchen bedient den Kunden ebenso professionell und auch hier bestätigt der Mann: „Eine gute Wahl!“

Mit skeptischem Blick auf meinen Kauf verlasse ich den hippen Buchladen im Szenebezirk dieser Stadt, die vorgibt, irgendetwas Mondänes auszustrahlen und die nur so geprägt ist von schlechtem Arbeitsklima, Mobbing und zerbrechenden Beziehungen. Die einzigen Menschen, die hier glücklich werden, sind vermutlich Bärchenwurstverkäufer, aber das ist eine ganz andere Geschichte und obendrein reine Mutmaßung.

Später, auf meiner Bratkartoffelparty schweift mein Gedanke plötzlich zum Chef des Buchladens, der sich wahrscheinlich gerade von meinen zehn Euro einen Kaffee mit Milchschaum und einen Bärchenwurstbagel leistet und ich denke unweigerlich daran, dass zehn Euro vor gar nicht allzu langer Zeit wirklich zwanzig Mark waren. Zwanzig Mark! Aber als Gastgeber darf man sich nicht mit solchen Gedanken plagen. Es sind wider Erwarten erstaunlich viele meiner Nachbarn gekommen und mustern stirnrunzelnd meine Wohnung und ich hoffe, dass sie vielleicht die vorwiegend festkochenden Kartoffeln nicht bemerken, die mir kiloweise von einem Marktschreier aufgenötigt wurden.

„Ah, das ist doch dieser Debutroman von dem einen da, oder?“ sagt einer der Nachbarn schmatzend mit dem Mund voller Bratkartoffeln und greift mit seinen fettigen Fingern danach, „schickes Cover hat es ja! Ist das denn gut?“

„Das Pärchen im hippen Buchladen hat es mir mit böser Absicht verkauft“, antworte ich, „aber denen kann man das kaum vorwerfen, man kann ja froh sein, wenn deren Beziehung den nächsten Monat übersteht.“

„Das Buch meine ich.“ sagt mein Nachbar etwas verdutzt.

„Das ist ganz ok. Ich weiß nur nicht, worauf der Autor hinauswollte.“

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