Wo die liegende Acht sich zu schneiden scheint


Klick macht es. Ich lehne mich zurück, mache den Rücken gerade, das erste Mal seit Stunden und plötzlich fange ich es, ohne darüber nachgedacht zu haben, was ich eigentlich genau suche. Ich sitze im Halbdunkel vor einem Loch, in das ich die letzten fünf Stunden apathisch hineingeblickt hatte. Es ist drei Tage vor Weihnachten zweitausendsieben und gegen vier am Nachmittag. Ich sitze auf einem See, der schon seit Wochen fünfundzwanzig Zentimeter tief zugefroren ist. Ich hocke viel mehr im Schneidersitz auf dem Pankajärvi im Osten Finnlands, rund zwanzig Kilometer vom karelischen Lieksa entfernt. Seit drei Stunden mindestens habe ich mich nicht bewegt, teils um es mir selbst zu beweisen, teils, weil es die Fische verscheuchen könnte, die tief im Winter ohnehin schlecht beißen, hauptsächlich aber, weil nach Stunden der Regungslosigkeit jede Bewegung schmerzt, aber der Schneidersitz die einzig akzeptable Sitzposition zum Eisangeln ist.

Ich bin mit dem Ziel gekommen, einen Barsch zu angeln, habe ein Loch in den See geschraubt und mich mit der kleinen Angel davor gehockt und angle schon seit es begonnen hat, hell zu werden. Außer, dass es graduell dunkler wird, verändert sich nichts. Hin und wieder streift ein eisiger Windhauch mein Gesicht und veranlasst mich dazu, über mein Gesicht zu streichen. Ich starre mit einer Verbissenheit, die ich mir selbst kaum zugetraut hätte, in dieses Loch und denke innerlich: Komm schon, Barsch, beiß an, damit ich nach Hause gehen kann, um dich zu räuchern. Es passiert nichts. Meine Ungeduld und das Gefühl von Erschöpfung durch Kälte weichen ganz langsam dem der Gleichgültigkeit. Ich vergesse die Zeit und irgendwann das Denken, bis ich feststelle, dass ich nichts höre, außer dem Brechen seltener Windböen an meinen Ohrenschützern und dem Zischen einer kleinen Gasfackel, die mich sicher wieder zu meinen Fußstapfen führen soll, die ich auf dem Fußmarsch hierher hinterlassen habe. Die Momente, die ich in meinem bisherigen Leben geräuschlos verbracht hatte, kann ich an einer Hand abzählen und ich erinnere mich an ebenjene Momente, die mit diesem Moment eine magische Einheit bilden, wie ich mir einbilde, um mich nicht zu langweilen.

Irgendwann frieren die Gedanken ein. Ich denke zuerst immer langsamer und langsamer, bis ich irgendwann nicht mehr über meine Gedanken nachdenke und gänzlich einfriere.

Ein Standbild von einer Angelschnur, die in einem kleinen Eisloch verschwindet. Ich unterscheide nicht mehr zwischen Leben und Tod, da von allem nicht mehr übrig ist als der Köder, der einen guten Meter tief unter der melasseartigen Wasseroberfläche vor sich hin baumelt. Nichts.

Es dauert eine Weile, bis ich mich frage, ob ich zittere, stelle fest, es ist nur meine Hand, die wie gezogen vom Wasser hinunter wippt. Ich hebe die Angel und bemerke leichten Widerstand. Mit einem fragenden Gedanken, wo ich die letzte Zeit gewesen sein könnte, schrecke ich beinahe auf, bis ich den beißenden Schmerz in den ausgekühlten Gelenken spüre. Perkele. Ich lehne mich zurück, mache den Rücken gerade, das erste Mal seit Stunden, halte die Angel, bis der Fisch mit Zappeln aufgehört hat, ziehe die Angel vorsichtig und in langsamen Zugbewegungen heraus und plötzlich fange ich, was ich mir zu fangen vorgenommen hatte. Ein Barsch starrt mich mit seinen wie mit Entsetzen aufgerissenen Augen an. Es ist ein winziger Barsch, er misst nicht einmal den Abstand meines ausgestreckten Daumens und kleinen Fingers. Er starrt mich an, wie mich das Eisloch zuvor angestarrt hatte. Ich starre zurück, so wie ich zuvor in das Eisloch gestarrt hatte. Der Fisch starrt mir direkt in die Seele und ich starre dem Fisch in die Seele. Wir sind ein Starren, wir sind ein und dasselbe, fällt mir auf, wir stammen aus der gleichen Quelle und gehen ineinander über und durcheinander durch und gehen in ein und dieselbe Richtung dunklen Ungewiss’. Der Fisch hat sein Schicksal akzeptiert, so scheint es und blickt mich gelassen an. Er hat sich auf das Risiko Leben eingelassen und hatte bis zu diesem Augenblick Zeit genug, um das Leben zu genießen und blickt nun mit gleichgültiger Gelassenheit auf sein Leben zurück und den Tod hin, der am anderen Ende der Angelschnur lauert. Mir wird klar, dass ich mit ebenjener Gleichgültigkeit ins Auge des Fisches starre und es ist so, als bilden wir eine kosmische Einheit, eine jener vermeintlichen Schnittstellen einer liegenden Acht, wenn man sie dreidimensional betrachtet. Für einen Moment halten wir inne, atmen aus, Klick macht es.

Vorsichtig entferne ich den Angelhaken aus dem Maul des Fisches, der glücklicherweise nicht tief und fest sitzt und gebe ihn nach einem letzten Blick dem See zurück. Sein Tag ist nicht heute. Es ist heute auch nicht mein Tag, einen Barsch zu räuchern. Langsam stehe ich auf und recke meine schmerzenden Glieder. Heute habe ich am See eine Erkenntnis geangelt.

Es ist mittlerweile stockfinster geworden, es muss schon weit nach vier Uhr sein. Weit hinten am Horizont sehe ich pulsierend rot-gelbes Licht in den Himmel abstrahlen. Man entzündet bereits das Feuer für die Sauna. Während ich meine eigenen Fußspuren auf dem Eis ausleuchte, die ich auf dem Weg zum See hinterlassen habe, versuche ich die Erkenntnis in Gedanken zu übersetzen und gehe langsam und gemütlich über das Eis in Richtung Ufer. Ich gehe zum ersten Mal in meinem Leben um des Gehens Willen, nicht mit dem Ziel irgendwo anzukommen und nicht mit dem Gedanken, dass ich dies innerhalb eines festgelegten Zeitraums tun müsse. Am Ufer der Duft von gefrorenen Tannennadeln, der Schnee reflektiert den dunkelblauen Nachmittagshimmel, denke ich darüber nach, wie schwer die Dinge einem von der Hand gehen oder in den Schoß fallen, wenn man verbissen daran denkt oder nacheifert und wie einfach die Dinge passieren, wenn sie einem nichts bedeuten.

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